Samstag, 4. Januar 2014

Prof. Dr. Horst W. Opaschowski
Gastbeitrag zum Monatsthema 1/14

Mit großer Freude können wir diesmal einen Gastbeitrag von einem der renommiertesten Zukunftsforscher Deutschlands veröffentlichen. Prof. Dr. Opaschowski ist bekannt für zahlreiche Prognosen und Veröffentlichungen und ebensoviele Auszeichnungen. Für uns erläutert er, wie man richtig in die Zukunft blickt.


Der Autor ist Zukunftswissenschaftler und gilt international als „Mr. Zukunft“, wie die Deutsche Presseagentur (dpa) schreibt. Er ist Verfasser des Buches „Deutschland 2030“, das aktuell im Gütersloher Verlagshaus erschienen ist.

  Über der Haustür von Niels Bohr, dem großen dänischen Atomphysiker, war einst ein Hufeisen befestigt. Ein Freund sprach ihn prompt darauf an: „Aber Du glaubst doch nicht an so etwas!“ „Nein“, antwortete Bohr, „natürlich nicht. Aber ich habe mir sagen lassen, dass es trotzdem wirkt.“ Und als Niels Bohr seine Atomtheorie entwickelt hatte, wurden Stimmen laut wie: „Mein Gott, muss der gerechnet haben.“ Seinen Freunden und Schülern vertraute der Gelehrte jedoch an: „Ich habe nicht gerechnet. Das war ein Einfall“. So muss Zukunftsdenken auch verstanden werden: Eine Antenne für das Kommende haben, eine Art inneres Radarsystem, das ständig die Gegenwart beobachtet und systematisch der Frage nachgeht: Wo gehen die Dinge hin?

Müssen aber nicht angesichts der gegenwärtigen weltpolitischen Lage konkrete Aussagen, die sich auf Entwicklung, Veränderung und Zukunftsperspektiven beziehen, auf den ersten Blick unrealistisch erscheinen? Lassen globale Krisen präzise Prognosedaten nicht schnell zur Makulatur werden?

Prognosen erzielen immer dann eine große Treffsicherheit, wenn sie von der zentralen Frage ausgehen: Was will der Mensch? Erst danach ergeben sich Antworten darauf, was wirtschaftlich und technologisch alles möglich wäre. Daraus folgt: Große gesellschaftliche Veränderungen von der Perestroika bis zur deutschen Vereinigung lassen sich nicht präzise prognostizieren, auch Kriege und Krisen von der Energiekrise über den Golfkrieg bis zu den Terroranschlägen in den USA nicht - voraussagbar aber sind die Lebensgewohnheiten der Menschen in den nächsten Jahren. Denn: Zukunft ist Herkunft. Wer nicht zurückschauen kann, kann auch nicht nach vorne blicken.

Lebensgewohnheiten sind wie eine zweite Natur und haben fast die Wirkung einer Kleidung aus Eisen, die nur schwer zu sprengen ist. Viele Tätigkeiten im Alltag werden so lange praktiziert, dass sie – wie Aufstehen, Essen und Schlafengehen – fast zur lieben Gewohnheit bis ins hohe Alter werden. Gewohnter Lebensrhythmus und alltäglicher Regelkreis sind den Menschen geradezu in Fleisch und Blut gegangen. Viele Menschen können einfach nicht aus ihrer Haut heraus – heute nicht und morgen auch nicht.

Der Wertewandel einer Gesellschaft besteht nicht darin, dass sich die Menschen sozusagen über Nacht verändern. Er vollzieht sich vielmehr allmählich in dem Maße, in dem die jüngere Generation einer Gesellschaft die ältere Generation Zug um Zug ablöst. Und eine junge Generation, die unter veränderten gesellschaftlichen Lebensbedingungen aufwächst, gelangt zwangläufig zu anderen Erfahrungen und Gewohn heiten. Damit verändern sich auch die Einstellungen zu Arbeit und Leben, zu Partnerschaft, Familie und Freundeskreis.


Junge Generation erwartet 2014 bessere Zeiten
und eine bessere Gesellschaft

Es kann nicht überraschen: „No future“ ist für die meisten Jugendlichen heute zum Fremdwort geworden. Die junge Generation wächst in unsicheren Zeiten auf. Sie kennt fast nichts als (Dauer-)Krise und versteht sich selbst schon als ‚Generation Krise‘. Sie gibt dennoch ihre Hoffnung auf bessere Zeiten nicht auf. Trotz weltweiter Finanz- Wirtschafts- und Umweltkrisen blickt sie optimistisch in die eigene Zukunft. Nach der aktuellen Repräsentativumfrage des Hamburger Ipsos-Instituts wünscht sich eine deutliche Mehrheit der unter 34-Jährigen eine bessere Gesellschaft und will auch mithelfen, eine bessere Gesellschaft zu schaffen – durch Eigeninitiative und sozialen Zusammenhalt. Sie vertraut dabei auf die Kontakte und das Zusammenleben mit Freunden und sozialen Netzwerken. Das soll der soziale Kitt für eine lebenswerte Gesellschaft in der nahen Zukunft sein.

Die positive Grundstimmung kommt nicht von ungefähr. Die wirtschaftlichen Aussichten stimmen für 2014 überaus positiv: Wachsende Wirtschaft und Rekorde in der Handelsbilanz, konstante Löhne und stabile Preise, steigende Konsumausgaben, niedrige Zinsen und beste Beschäftigungszahlen bleiben nicht wirkungslos. Hinzu kommt die niedrigste Jugendarbeitslosigkeit seit Jahren. So erklärt sich der große Zukunftsoptimismus der jungen Generation. Die Wünsche der jungen Generation für das neue Jahr sind klar: Ich erwarte bessere Zeiten – und eine bessere Gesellschaft.

So bleibt nur zu hoffen, dass die Politik die Erwartungen der jungen Generation nicht enttäuscht. Nur zu berechtigt ist die Sorge, dass Politiker und Parteien mehr die nächste Wahl als die nächste Generation im Blick haben.

Kommentare:

  1. Es ist auch wichtig bei der Betrachtung von Vergangnem immer im Kopf zu behalten, dass es im Nachhinein immer einfach ist, zu sagen, dass etwas vorhersehbar war. Zu dem betreffenden Zeitpunkt, an dem auch oft weniger Informationen zur Verfügung stehen als später, ist es deutlich schwieriger. Heute schent uns der Fall der Mauer als unausweichlich - das war damals nicht so leicht vorherzusehen.

    Übrigens: Vielleicht hätte Bohr doch etwas mehr rechnen sollen - er hat zwar beinahe Recht, konnte seine Prämissen aber nicht begründen.

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  2. Zu diesem Satz eine Anmerkung und eine Frage….“Nach der aktuellen Repräsentativumfrage des Hamburger Ipsos-Instituts wünscht sich eine deutliche Mehrheit der unter 34-Jährigen eine bessere Gesellschaft und will auch mithelfen, eine bessere Gesellschaft zu schaffen – durch Eigeninitiative und sozialen Zusammenhalt..“

    Ich sehe es auch so, dass es die Sozialen Netzwerke wie Xing, Facebook oder Skype etc. der heutigen Generation erleichtern sozialen Zusammenhalt zu verwirklichen. Dazu kommt die Möglichkeit relativ bequem und preiswert zu reisen und zu kommunizieren. Zusammenhalt ist aber nur die mentale Ebene.

    Nur wie steht es mit der Eigeninitiative d. h. dem aktiven Engagement eine „bessere Gesellschaft „ zu schaffen. Zwischen „wünschen und wollen“ und der tatsächlichen Umsetzung sehe ich ein großes Delta. Ich bin nicht der Meinung dass sich eine „deutliche Mehrheit“ meiner Altersgenossen sozial oder gesellschaftlich engagiert. Wie ist Eure Einschätzung ?

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    1. Es sind schon einige aktiv, aber nicht unbedingt, um eine bessere Gesellschaft zu erreichen.
      Viele machen das auch, um an einer sozialen Gruppe teilzuhaben, um ihren Lebenslauf aufzubessern, oder um für einen Tag nicht in die Schule zu müssen (wie manche - natürlich nicht alle! - Wahlhelfer)

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    2. Ich denke, es sind mehr sozial engagiert, als man auf den ersten Blick sieht. Nur geschieht das oftmals "im Stillen", wo es wenige mitkriegen. Bei der "Eigeninitiative" sehe ich schon größere Probleme.

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