Donnerstag, 9. Januar 2014

Daniel Vedder

Es gibt nach gängiger Meinung zwei Arten von deutschen Nationalhelden. Die der Nazis und die heutigen, oder: die Krieger und die Schreiber. Die ersten sind Militärhelden, von autoritären Despoten zu Halbgottheiten erhobene Soldaten, heute als nationalistisch verpönt. Die zweiten sind unsere Denker und Dichter, Männer wie Goethe, Schiller, Kant und Hegel. Männer, deren Schriften noch heute von Bedeutung sind. Doch es gibt noch eine dritte Gattung Deutscher, die es würdig wäre, den Titel „Nationalhelden“ zu tragen. Jene, die es wagten, schwarz-rot-gold zu schwenken, als nur schwarz-weiss-rot zählte; jene, deren Ruf „Wir sind das Volk“ durch ganz Europa hallte. Jene, die für eine deutsche Demokratie kämpften.

Lupo  / pixelio.de



Jede Nation hat ihre eigenen Helden. Jedes Land hat Menschen in seiner Vergangenheit, deren Taten es wert sind, weitergegeben zu werden. Oftmals sind diese Helden Feldherren gewesen, große Könige oder Freiheitskämpfer. Namen wie George Washington, Horatio Nelson oder Winston Churchill kommen einem in den Sinn, natürlich auch Nelson Mandela und Mahatma Gandhi. Sie alle waren Persönlichkeiten, die für den Werdegang eines Nationalstaats von fundamentaler Bedeutung waren, ohne die ihr Heimatland heute nicht in dieser Form existieren würde. Es sind politische Figuren, häufig – bewusst oder unbewusst – verschönert dargestellt.

Seit 1945 gibt es diesen Typus Volksheld in Deutschland kaum noch. Nach einem Jahrhundert geprägt von Verherrlichung der eigenen Vergangenheit im Wilhelminismus und Nationalsozialismus distanzierte man radikal davon. Friedrich Barbarossa, das grosse Vorbild Wilhelm I., war vergessen, das Detmolder Hermannsdenkmal fast mehr Schande als Stolz. Zu Recht machte man sich daran, die manipulierenden Legenden zu enttarnen, die zwei Regimes um sie gesponnen hatten.

Stattdessen besann man sich darauf, dass Deutschland eigentlich seit jeher eine Kulturnation gewesen ist: ein Land, das sich nicht vorrangig über politische Einheit definiert, sondern über kulturelle und sprachliche Zusammengehörigkeit. Nun wurden Kulturpräger zu Nationalhelden. Das praktische Resultat erlebt jeder Gymnasiast, wenn er sich im Unterricht mit Kant auseinandersetzt und Goethe analysiert. Natürlich haben auch Engländer ihren Shakespeare und Franzosen Voltaire und Rousseau. Eine solch ausgeprägte Fixierung auf Kulturgut, wie sie im hiesigen Schulsystem stattfindet, ist jedoch typisch deutsch.

Bei aller Vermeidung politisch-patriotisch angehauchter Geschichtslehre steht man jedoch in Gefahr, eine Gruppe zu marginalisieren, die mehr Aufmerksamkeit verdient hätte. Dies sind die oben erwähnten Kämpfer für eine deutsche Demokratie. Drei große Bürgerbewegungen der letzten 200 Jahren hatten sich dieses Ziel auf die Fahne geschrieben. Bis auf die letzte hatten sie wenig Erfolg, doch ist das ein Grund, sie zu vergessen?

Erstmals zu Anfang des 19. Jahrhunderts formierte sich in Deutschland ein Nationalgeist, der für einen geeinten Staat eintrat, der vom Volk regiert werden sollte. Schon während der Napoleanischen Kriege begann dies; berühmt wurden die Lützower Jäger, deren Uniformfarben den Anstoss für unsere heutige deutsche Flagge gab. Die Mitglieder dieses Freiwilligenkorps waren hauptsächlich junge Studenten, die für die Freiheit ihres Vaterlandes kämpften. Zwar enttäuschte der Wiener Kongress von 1814/15 die Hoffnung auf mehr Mitspracherecht für die Bürger, doch blieb sie über die nächsten 40 Jahre erhalten. 1832 demonstrierten in Hambach über 20.000 Menschen für diesen Zweck, wobei sie als erste Schwarz-rot-gold schwenkten. Sechzehn Jahre später waren dies die Farben der Bänder, die die Abgeordneten der Frankfurter Nationalversammlung trugen. Dieses erste demokratische, gesamtdeutsche Parlament war nach der Märzrevolution in Rekordzeit gewählt worden und machte sich nun daran, eine Verfassung für den erhofften neuen Staat auszuarbeiten. Einer der Abgeordneten war Robert Blum, ehemaliger Theaterschriftsteller aus Leipzig, der seinen Beruf aufgegeben hatte um mit einer liberalen Zeitschrift gegen die herrschenden Umstände zu protestieren. Noch im selben Jahr wurde er für sein Engagement hingerichtet, als die königlichen Armeen die Revolution unterdrückten. 

1871 bekamen die Deutschen in Versailles ihre Einheit – doch nicht als die ersehnte Demokratie, sondern in Form des Kaiserreichs. Es brauchte einen Weltkrieg, um wieder eine Bewegung im Umfang von 1848 auszulösen. Im November 1918 meuterten die Matrosen der kaiserlichen Kriegsmarine in Kiel. Wie ein Funke im Zunder sprang die Rebellion über auf die Soldaten und eine kriegsmüde Bevölkerung. Eine Stadt nach der anderen erhob sich gegen den Kaiser, bis am 9. November Philipp Scheidemann die Republik ausrief. Die Weimarer Republik war geboren. Ein Projekt, das voller Hoffnung und Elan begonnen wurde, bald jedoch schon schwächelte. Doch gab es bis zum Schluss noch Widerstand gegen ihren Verfall. Hans Litten zum Beispiel, ein linker Rechtsanwalt, der einem rechten Justizwesen die Stirn bot und sogar Hitler selbst im Zeugenstand demütigte.

Dass dieser Widerstand ebensowenig fruchtete wie der von Stauffenberg oder der „Weißen Rose“, ist bekannt. Ein neuer Krieg zerstörte Europa, und wieder wurde Deutschland geteilt. Eine Hälfte behielt die Demokratie – und hat sie bis heute gewahrt. Die Bürger der anderen Hälfte hatten es nicht so leicht. Wieder einmal hatten sie es mit einer totalitärem Regierung zu tun. Am 17. Juni 1953 gingen sie im Protest auf die Strasse. Doch sie wurden von Panzern zurückgedrängt. Erst 1989 hatten sie Erfolg. Ausgehend aus Leipzig, der Stadt Robert Blums, verbreiteten sich ihre Rufe „Wir sind das Volk“ und „Wir sind ein Volk“ durch den ganzen Osten Deutschlands, bis sie auch im Rest von Europa gehört wurden. Schließlich fiel die Mauer, und wenige Monate später war Deutschland wieder in einem demokratisch geführten Staat vereint.

Aber zurück zu uns heute. Natürlich sind diese Freiheitsaktivisten nicht völlig vergessen worden. Und doch werden sie geradezu stiefmütterlich behandelt in einem Bildungssystem, das mehr auf die abschreckenden Seiten der deutschen Vergangenheit setzt als auf ihre positiven Vorbilder. Wie viele Menschen in unserem Land kennen Robert Blum? Oder Hans Litten?

In einem kleinen Dorf in Frankreich steht ein Denkmal mit zwei einfachen Worten: „Souviens-toi! – Erinnere dich!“ Es ist die Gedenkstätte für die 642 Opfer des SS-Massakers von Oradour-sur-Glane. Nein, wir dürfen sie nicht vergessen. Genausowenig die Millionen, die in Auschwitz, Bergen-Belsen und anderswo starben. Aber warum sollten wir der großen Tyrannen gedenken, und dabei jene vergessen, die ihr Leben riskierten im Streben für die Freiheit, die wir heute geniessen? In einer Gedenkrede zur Landung der Alliierten in der Normandie drückte es Ronald Reagan so aus: 
„Wir werden uns immer erinnern. Wir werden immer stolz sein. Wir werden immer vorbereitet sein, auf dass wir für immer frei sein mögen.“

Kommentare:

  1. Das Problem ist, dass mit dem Erinnern an diese Helden auch immer wieder "das deutsche Trauma" wieder in Erinnerung gerufen wird, wie ich ja auch schon bei Hans Litten ausführte. Wenn man die Weiße Rose denkt, denkt man auch immer daran, dass fast alle geschwiegen haben und mit Schuldig sind.
    Erwähnt man die friedliche Revolution, so gedenkt man auch oft der IMs, die dieses Unrechtsregime mitstabilisierten.
    So gibt es nur 3 Möglichkeiten, wieder diese Helden in die Geschichtsbücher mitaufzunehmen:
    Wir verzeihen uns/unseren Ahnen.
    Wir überwinden das Trauma.
    Wir lernen diese Helden vom Trauma zu trennen.

    Am besten, wir machen alles zugleich. Aber schnell, denn unsere Helden sind fast vergessen.

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  2. Übrigens hat man vor Kurzem die Guillotine gefunden, mit denen die Geschwister Scholl hingerichtet wurden - ein Symbol deutschen Heldentums.
    Die Vorstellung rührt mich, dass vielleicht irgendwann unter "deutschem Heldentum" ein Kampf für die Demokratie verstanden wird. Bei diesem Wort denkt man selbst heute noch an Armenius/Herrman, denn die "Kulturhelden" werden weniger als Helden dann als Genies verstanden.

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  3. Interessant ist auch, wie die USA die Ambivalenz ihrer Helden ignorieren - niemanden interessiert es, dass die Väter jener Verfassung, welche von Freiheit und Gleichheit geprägt ist, selbst Sklavenhalter waren.

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    1. Das macht nicht nur die USA so. Schliesslich ist die Definition von Held eine Person, deren positiven Seiten bewundert werden. Da werden die nicht-so-guten schnell übersehen. In einem gewissen Grad ist daran auch nichts auszusetzen, solange es nicht in einer quasi-Vergötterung endet, wie es in Diktaturen normalerweise der Fall ist.

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