Donnerstag, 30. Oktober 2014

Martin Lotter

Beruf und Privates sind getrennt? Nicht mehr unbedingt. Die Unternehmen mischen sich immer mehr in das Leben ihrer Arbeitnehmer ein. Ist das gut oder gefährlich?

"Meinhardt Branig" / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)
http://creativecommons.org/licenses/by-nc/3.0/deed.de

Große Unternehmen wie Facebook oder Apple bieten ihren Mitarbeiterinnen an, Eizellen einzufrieren um den Kinderwunsch hinauszuschieben. Die Unternehmen übernehmen für das „Social Freezing“ die Kosten und erklären dies als Wohltat für die Frauen, weil sie dadurch ihre Karrierechancen verbessern. Überhaupt tun einige Unternehmen viel für ihre Mitarbeiter. Betriebskindergarten und betriebliche Pflegedienste, Firmenhandy zur Privatnutzung, Fitnessstudios im Unternehmen und Gesundheitsberatung sind nur einige Beispiele.
Spätestens mit der Diskussion um Social Freezing stellt sich die Frage ob dies nur ein Angebot des Unternehmens ist oder ob die Firmen sich in das Privatleben der Mitarbeiter einmischen und die Mitarbeiter im Grunde nicht mehr frei über ihr Leben entscheiden können, und so unbewusst zu freiwilligen Sklaven der Unternehmen werden.
Larry Page, der Chef von Google sagt, sein Unternehmen muss für die Mitarbeiter wie eine Familie sein (Welt Kompakt vom 21.10.2014). Dies zeigt, dass Unternehmen mehr wollen als nur einen Arbeitsvertrag mit ihren Mitarbeitern. Diese Unternehmen wollen das Privatleben ihrer Mitarbeiter steuern, um deren wertvolle Arbeitskraft so optimal wie möglich einzusetzen.
Für Unternehmen gilt Folgendes: Die Menschen sind im Alter zwischen 20 und 40 am leistungsfähigsten. Aber genau da stört es den Betriebsablauf, wenn eine hochqualifizierte Frau wegen Geburt, Elternzeit oder einfach nur wegen der Krankheit eines Kindes fehlt. Firmen wollen die Arbeitszeit von Mitarbeitern maximieren. Denn mit jeder Stunde die die Mitarbeiter arbeiten verdient das Unternehmen Geld. Und damit ist es das Ziel von Firmen, die Mitarbeiter mehr als die üblichen 40 Stunden zu beschäftigen. Laptop, Firmenhandy, bezahltes W-LAN zu Hause und anderes dienen dazu. Der Mitarbeiter soll möglichst rund um die Uhr arbeiten können. Es behindert die Gewinnmaximierung, wenn der Mitarbeiter sich um Kinder kümmern muss oder um die pflegebedürftigen Eltern. Vor allen Dingen in der hochprofitablen Altersrange zwischen 20 und 40. Wenn Frauen jenseits der 40 Kinder bekommen ist der „Schaden“ oder der entgangene Nutzen für das Unternehmen weniger relevant. Ganz abgesehen davon: Social Freezing hat aus Unternehmenssicht den Zweck bei Frauen die Illusion zu erhalten, Kinder später bekommen zu können. Bei Unternehmen besteht aber die berechtigte Hoffnung, dass eine Frau mit 40 keinen Kinderwunsch mehr hat. Sie hat sich an das kinderlose Leben gewöhnt.
Nur: Was ist, wenn die Mitarbeiterin mit 28 Jahren ein Kind will oder die Eltern selbst pflegen will. Oder am Abend und am Wochenende nicht per Handy erreichbar sein will, weil sie ehrenamtlich tätig ist oder einfach nur leben will?
Dann beginnt der subtile Druck der Firma. Warum nehmen sie denn unser großzügiges „Angebot“ nicht an und frieren Ihre Eizellen ein? Warum wollen Sie ihre Mutter selbst pflegen, obwohl „Ihre“ Firma doch einen professionellen Pflegedienst hat? Warum wollen sie zu Hause bleiben und Elternzeit nehmen, obwohl ihnen Ihr Arbeitgeber doch eine Betriebs-Kita anbietet?
Ist dann der Arbeitnehmer noch darin frei, sein Leben selbst zu gestalten oder wird es von der Firma gestaltet? Walter Kohl, der Sohn von Kanzler Helmut Kohl hat ein Buch geschrieben mit dem Titel „Leben und gelebt werden“. Als Kind eines Kanzlers „wurde er gelebt“.
So geht es heute auch Arbeitnehmern, gerade in großen, internationalen Unternehmen. Die Grenze zwischen Beruf und Privatem verschwindet. Es gibt nicht mehr den Arbeitgeber und den Arbeitnehmer, mit einem klar abgegrenzten Arbeitsvertrag. Formal vielleicht noch aber nicht in der Realität. Die Firma bestimmt, wie ihre Mitarbeiter leben. Wann sie Kinder bekommen, ob sie die Kinder selbst erziehen oder die Firma. Ob sie die Eltern pflegen oder die Firma. Und ob sie Sport treiben oder nicht. Denn auch das Fitnessstudio inklusive Gesundheitsberatung und Gesundheitscheck ist nichts anderes als ein Wink mit dem Zaunpfahl durch den Arbeitgeber. Verhalte dich gesund, esse nur gesunde Lebensmittel, damit deine Arbeitskraft erhalten bleibt!
Wer zur falschen Zeit Kinder bekommt, wer seine Eltern pflegt, wer nicht sportlich rank und schlank ist grenzt sich aus der „Familie Firma“ aus. Dieser subtile Druck mittels der angeblich so „tollen Angebote“ der Firma macht Arbeitnehmer zu modernen Sklaven. Sie können nicht mehr frei entscheiden, weil sie in einem Abhängigkeitsverhältnis mit ihrer Firma stehen.
Wer will das schon? Wer will schon sein Leben gelebt bekommen und am Ende feststellen, dass man nur für eine abstrakte Familie gearbeitet hat, die spätestens zu Rentenbeginn weg ist oder schon vorher wenn die Firma pleite ist?
Die Arbeitnehmer sollten sich bewusst machen: Will ich über mein Leben und mein Sein selbst entscheiden oder es der Firma überlassen? Will ich gelebt werden oder leben. Will ich eine Familie oder eine abstrakte Firma als Familienersatz?
Will ich selbstbestimmter Arbeitnehmer sein oder moderner Sklave?

Kommentare:

  1. Dass Unternehmen versuchen, ihre sach- und betriebskundigen Mitarbeiterinnen im Betrieb zu halten, ist pauschal nicht zu verurteilen. Es gibt bewährte Modelle, z. B. die Betriebskindergärten der Textilfirma Rösch. Frauen verlieren wegen der Babypause, die meist bis zum Schulbeginn und oft noch länger dauert, wertvolle Rentenjahre und zudem den Anschluss an die so wichtige berufliche Weiterbildung. Überdies mag es für viele intelligente Frauen nicht erstrebenswert zu sein, jahrelang auf ein interessantes Berufsleben verzichten zu müssen.
    Entschieden abzulehnen ist freilich das zynisch-barbarische, inhumane Social freezing, vor allem im Hinblick auf das Kind. Wie übersteht das eingefrorene Ei diese Jahre? Wie entwickelt sich der Foetus in der gealterten Mutter? Welche seelischen Auswirkungen hat diese Medizintechnik für das möglicherweise traumatisierte Kind?
    Fragen, die ohne Antwort bleiben. Die Konsequenz: Social freezing ist kompromisslos abzulehnen. Wer nach dem Berufsleben noch Lust auf ein Kind hat, der mag ein verwaistes Kriegsopfer adoptieren.

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  2. Das Social freezing betrachte ich auch sehr kritisch - mit einer "alte Mutter" ist kein Idealzustand, weder für Kind noch für Mutter.

    Ansonsten kann man jedoch den Versuch der Arbeitgeber, sich mehr in das Privatleben der Angestellten einzugliedern, unterschiedlich bewerten. Sicherlich ist eine Pauschalbewertung zu oberflächlich. So gibt es z.B. v.a. in der Software-Branche viele Unternehmen, die Mitarbeitern ein sehr großzügiges Freizeitangebot bieten, um in einem hart umkämpften Markt die besten Fachkräfte zu gewinnen. Google ist nur ein Beispiel - der Konzern ist seit Jahren als die Firma bekannt, bei der die Mitarbeiter am glücklichsten sind.

    Natürlich kann man ihnen finstere Absichten nachsagen, es ist aber durchaus keine unvertretbare Position, dass die Leitungen der entsprechenden Firmen einfach nur ein simples Prinzip befolgen: halte deine Leute glücklich, und sie leisten bessere Arbeit. Mehr Job-Zufriedenheit führt zu weniger Stress und dadurch mehr Produktivität. So sind sowohl die Interessen der Arbeiter als auch der Firma bedient.

    Bestimmt gibt es hier und da Firmen, die ihre Arbeitnehmer tatsächlich so ausnutzen wie oben beschrieben. Ich halte es jedoch für eine grobe Verallgemeinerung, dem Großteil aller Firmen solche Beweggründe zu unterstellen. So argumentierten Kommunisten vor 100 Jahren - das kannst du besser, Martin ;-)

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