Donnerstag, 13. März 2014



Niklas Götz

http://www.icademyglobe.org/article.php?id=1047


Wir, die Jugendlichen von heute, die in soziologischer Tradition nunmehr als beinahe abwertend als Generation Z bezeichnet werden, wie einst unsere Eltern die Generation Y waren, sind „kaum geschlüpfte Küken mit feuchtem Federkleid und großem Schnabel, hungrig“ nach Karriere und Geld. Wir sind angepasst und unterwürfig. Wir sind morallos, opportunistisch und abgeklärt. 

Dies ist die Sicht von Jens Jessen, Journalist bei der Zeit und dank seines Alters wohl als Mitglied der anscheinend wissenschaftlich uninteressanten Generation W zu bezeichnen. Er ist Journalist bei der „Zeit“ und Autor des Textes „Die traurigen Streber“1. Unsere Plage sei „erbarmungslose[r] Leistungs- und Anpassungsdruck“. Unser einziges Ziel lautet angeblich: „auch einmal selbst Chef sein, an der Spitze jener Hackordnung stehen, die für das Leben gehalten wird“. Doch ich frage heute: Ist dieses Bild richtig?



Leiden wir wirklich unter einer „unpolitischen Resignation“? Das beantwortet sich hier von selbst, hier, auf CATO, dem besten Beispiel dafür, wie politisch wir sind. Jessen, der uns jegliche Fähigkeit abspricht, richtig von falsch zu unterscheiden, verkennt, dass es nicht nur eine Jugend gibt. Er verkennt, dass wir Individuen sind. Er verkennt, wie vielfältige Überzeugungen und Meinungen uns unterscheiden. Jeder kennt die unzähligen, verschiedenen Strömungen, die uns teilen: Natürlich gibt es Jugendliche, die unpolitisch sind. Genauso gibt es solche, für die es nichts Wichtigeres gibt, als sich in die Gesellschaft einzubringen. Auch gibt es einige, die überzeugte Neomarxisten sind, und andere, die Investmentbanker werden wollen. Zuletzt setzen sich viele für die Umwelt ein, während andere bei diesem Thema nur müde lächeln. Warum sollten wir auch alle gleich sein? Die Jugend, oder besser: die Jugendlichen, denn es gibt eben nicht nur „die“ Jugend, haben viele verschiedene Sichtweisen, und das ist auch gut so.

Was uns aber vereint, sind die Herausforderungen, mit denen diese Generation Z konfrontiert wird. Wenn Jessen uns vorwirft, im Vergleich zu den Jugendlichen des Sturm und Drang und des Jungen Deutschland, im Vergleich zu den 68ern, der Generation Y und anderen aufbegehrenden Generationen, nichts erreicht zu haben, so begeht er einen großen Fehler.

Welche Generation ist verantwortlich für den Widerstand gegen die entfesselten Finanzmärkte, bekannt geworden als „Occupy“? Unsere!

Welche Generation ist federführend beim Aufruf zum Kampf gegen den Klimawandel? Unsere!

Welche Generation war der Auslöser für den Arabischen Frühling? Unsere!

Wir stehen den Jugendlichen früherer Zeiten in nichts nach, wir haben diese Welt bereits verändert und wir werden es weiter tun. Können „traurige Streber“, wie Jessen die Jugend nennt, wirklich Diktatoren stürzen? Mit keinem einzigen Wort lobt er die große Leistung, die Jugendliche auf der ganzen Welt vollbringen, um das Leben aller besser zu gestalten. Er ignoriert das unermüdliche Aufbäumen gegen die widrigen Umstände, in die wir hineingeboren wurden; denn wer hat die „skrupellosen Unternehmensberatungen“, „die Vernichtung der Arbeitsplätze an der Börse“ und „die Verblödung der Künste“ geschaffen?

Waren das wirklich wir? Oder ist das nicht viel mehr das Erbe unserer Vorfahren, genauso wie Klimawandel, Diktaturen und Schulden auch?

Wer unserer Generation Z schwerwiegendes Fehlverhalten vorwirft, muss dies auch anderen Generationen vorwerfen. „Es ist, als ob die Eltern ihre Abstiegsangst gnadenlos an die Kinder weitergereicht hätten“, sagt Jessen selbst, und damit hat er in gewisser Weise recht. Denn wenn wir heute für unser wirtschaftliches Überleben kämpfen müssen, wenn wir heute einen befristeten Arbeitsvertrag nach dem anderen erhalten, wenn wir heute voll Sorge auf die Schulden anderer Länder blicken, dann deshalb, weil die Jugendlichen vor uns mit ihrem gepriesenen Idealismus und Mut zur Veränderung dies eben nicht ändern konnten, weil sie selbst gescheitert sind. Jessens Generation selbst hat es nicht geschafft, all die Dinge, die er beklagt, zu ändern. Wir Jugendliche heute haben den gleichen Willen zur Veränderung und die gleiche Kraft und Möglichkeit, etwas zu bewegen, wie jede andere Generation zuvor und nach uns auch. Wir werden ebenfalls nicht jedes Ziel erreichen können, doch uns eben dies vorzuwerfen, uns als verdorben und schwächlich darzustellen, uns als resignierte Opfer der Hoffnungslosigkeit zu bezeichnen, ist eine Verunglimpfung, eine grundlose Verunglimpfung.

Wenn Jessen die Aktionen und Hoffnungen anderer, angeblich besserer Generationen nennt, so hat er auch die Pflicht, im gleichen Atemzug auf ihre Schwächen hinzuweisen. Oder haben etwa, um bei seinem Beispiel zu bleiben, die Atomkraftgegner der Achtziger ihr Ziel erreicht? Laufen die Reaktoren etwa nicht mehr? Ist die Energiewende etwa schon geschafft? Nein, es ist an uns, dies zu bewältigen.

Ist es nicht endlich Zeit, mit den Hasstiraden auf die zeitgenössische Jugend aufzuhören? Jessen steht in einer langen Tradition: Bereits Platon hat die Jugend seiner Zeit verdammt – jene Jugend, die später seine Lehre in die Welt verbreiten sollte.

So bleibt es an uns, der jetzigen Jugend, die so viele verschiedene Überzeugungen und doch so viele gemeinsame Herausforderungen hat, das zu erledigen, was die Jugendlichen vor uns nicht schaffen konnten.



In diesem Sinne will ich dazu aufrufen, dass wir uns nicht nur mit Worten gegen diese unbegründete Anfeindung verteidigen, sondern dass wir weiterhin durch Veränderungen und Erfolge demonstrieren, zu welchen Leistungen wir fähig sind. Diese Jugend kann nicht nur genauso viel erreichen wie andere zuvor. Diese Jugend, gerade durch ihre große Vielfalt, kann sogar noch mehr. Gerade weil wir oftmals grundverschieden sind, als Folge der globalen Vernetztheit, haben wir die Möglichkeit, gemeinsam neue Lösungen zu finden, Lösungen für Probleme, an denen unsere Vorgänger gescheitert sind. Durch unser Engagement werden wir verhindern, dass unsere Generation und die nach uns zu jenem Schreckensbild werden, das Jessen uns vorgezeichnet hat.

Wir dürfen nicht an der Seuche der „Nach uns die Sintflut“-Einstellung erkranken, auch wenn die Diffamierung als „Generation Z“ dies nahelegt. Es braucht keinen Idealismus, um etwas zu ändern. Es braucht nur Mut.

In diesem Sinne: Der Worte sind genug gewechselt, lasst uns auch endlich Taten sehen!


  1. http://www.zeit.de/2008/36/Jugend-ohne-Charakter
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Kommentare:

  1. Ein herausfordernder Artikel! Unserer Generation stellen sich wirklich viele Probleme - da brauchen wir Leute, die bereit sind, sie mit anzupacken.

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  2. Ich kann dem Artikel von Jessen nicht viel abgewinnen. Ist es denn nicht so, dass jede junge Generation zu ihrer Zeit prägend war und Dinge verändert hat die zu verändern notwendig waren. Im positiven wie im negativen ? Und gibt es denn einen Maßstab für Veränderung? Kann man messen welche Generation viel und welche wenig verändert hat. Nein ich denke diese Maßeinheit gibt ihn nicht. Demzufolge kann man nicht sagen, dass die eine Generation viel und die andere wenig verändert. Viel wichtiger ist die Frage bestand Handlungsbedarf und hat eine Generation etwas versäumt zu verändern.

    Zunächst zur Versäumnis dessen was die letzten Generationen hätten erledigen sollen. Hier beginnt meine Kritik an Herrn Jessen. Was hat seine Generation (er ist Baujahr 55) versäumt? Denn was sie versäumt haben zu verändern ist die Erblast der jetzigen Generation.
    Zum Beispiel hat diese Generation versäumt zu sparen. Unsere Generation die heutige Jugend leidet unten den Schulden welche die vergangene Generation angehäuft hat. Seine Generation hat konsumiert statt investiert. Unsere Schulen und öffentlichen Gebäude sind marode. Die Infrastruktur in einem schlechten Zustand. Wir Jungen müssen nun die Straßen und Brücken sanieren welche die vergangenen Generationen gebaut, aber nicht gepflegt haben. Seine Generation ist es, welche gerade das Schwarzgeld aus der Schweiz zurückholt. Sie haben Steuern hinterzogen die dem Staat für zur Finanzierung seiner Aufgaben gefehlt haben.

    Nun zu unserem Handlungsbedarf. Wo ist denn aktuell etwas zu tun? Gibt es etwas Fundamentales was wir unbedingt ändern müssen. Fundamental ist nicht die Frage von G8 oder G9. Fundamental war die Integration Deutschlands in die EU oder Nato oder der Wiederaufbau nach dem Krieg und der „Wiederaufbau“ und die Integration der DDR. Das ist alles erledigt. Fundamental war die Herausbildung eines Konsens über die Soziale Marktwirtschaft oder das Bewusstsein für Umweltschutz. Das ist auch erledigt. Soviel zur Leistung der letzten Generationen. Sie haben einiges bewegt.

    Und nun zu unserer Generation. Wieso sind wir nicht aufsässig, wieso demonstrieren wir nicht und wieso revoltieren wir nicht. Da stellt sich die Frage: gegen wen oder was sollten wir revoltieren. Kann es sein, dass es aktuell keine großen Themen weswegen man auf die Straße gehen müsste? Kann es sein dass unser Staat sehr gut funktioniert? Vielleicht nicht in jedem kleinen Detail, aber in den großen Themen ist die Lage sehr gut. Im Vergleich zu anderen westlichen Staaten sind wir Klassenprimus. Deutschland ist Vorreiter im Umweltschutz, wir haben eine geringe Arbeitslosigkeit. Die Regierung macht kaum mehr Schulden und außenpolitisch sind wir in EU und Nato bestens und erfolgreich integriert. Gegen wen oder was sollten wir also im Moment demonstrieren?

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    1. Die Fragen gegen wen finde ich auch interessant.
      Früher konnte man gegen Schmitt und den NATO-Doppelbeschluss demonstrieren. Gegen wen demonstrieren wir in Sachen NSA? Gegen Merkel, die sowieso Obama nichts vorschreiben kann? Gegen Obama, der unsere Stimmen am Wahltag nicht braucht? Gegen die Internetkonzerne, die Monopole sind und damit kaum boykottierbar?
      Früher war man naiv, versuchte einen Marsch durch die Institutionen. Die Welt ist komplexer geworden, es ist schwieriger, etwas zu verändern.

      Aber am Anfang steht immer: Gedanken machen, Lösungen suchen.

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  3. Heute startet ein Kinofilm: Wir sind die Neuen

    darin wird dieses Thema in Ansätzen behandelt.
    68e-WG "gegen" angepasste WG von heute

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  4. Jens Jessen ist der Typ, der über einen Rentner der von Jugendlichen zu Tode getrampelt hatte, weil er es gewagt hatte, sie in der U-Bahn auf das Rauchverbot aufmerksam zu machen, urteilte, dieser "elende Spießer" sei doch selber schuld.
    Mehr braucht man über diesen Menschen eigentlich nicht wissen...

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