Donnerstag, 26. Dezember 2013

Niklas Götz
Monatsthema 12/13




Die Welt feiert Weihnachten – ein christliches Fest. Doch nicht die ganze Welt, die vom Coca-Cola-Weihnachtsmann besucht wird, ist christlich. Selbst im „Stammland“ der größten aller Religionen ist eine Weltanschauung, gerade unter Jugendlichen, auf dem Vormarsch, die in der Öffentlichkeit ignoriert wird: der Agnostizismus. Wie funktioniert er, woher kommt er, was sind seine gesellschaftlichen Auswirkungen?


S. Hofschlaeger  / pixelio.de 


„Ein Agnostiker ist ein Mensch, der so viel über die Existenz Gottes nachdachte, bis er deprimiert bemerkte, dass es keine zufriedenstellende Antwort gibt.“
Stupidedia


Zuerst einmal muss einiges definiert und die ein oder andere Formulierung erläutert werden. Agnostizismus bezeichnet ganz allgemein die Überzeugung, kein Urteil darüber fällen zu können, ob es einen (wie auch immer gearteten) Gott gibt oder nicht. Insofern kann man ihn natürlich nur mit Müh und Not als Religion bezeichnen, geeigneter wäre der Begriff Weltanschauung. Dies hängt auch damit zusammen, dass man zwar an einen Gott glauben bzw. eben nicht daran glauben kann, solange man eine endgültige empirische Aussage darüber ablehnt. Jedoch soll im Folgenden davon ausgegangen werden, dass jemand nur dann atheistisch/religiös ist, wenn er wirklich von der (Nicht-)Existenz überzeugt ist.

Des weiteren sollen zwei Formen von Agnostizismus unterschieden werden.
Zunächst der philosophische Agnostizismus: Hiermit bezeichne ich einen Agnostizismus, der eine bewusste Entscheidung des Menschen ist und welcher auf reiflicher und rationaler Überlegung basiert. In diesem Fall hat man sich über längere Zeit eindringlich mit verschiedenen Modellen beschäftigt, das Für und Wider verschiedener religiöser Positionen überdacht und ist für sich persönlich oder auch für alle Menschen zu dem Schluss gekommen, dass die Existenz eines Gottes (nicht nur des christlichen) weder beweis- noch widerlegbar ist. Dies geschieht oftmals auch in Abgleich mit Positionen verschiedener Philosophen und Theologen. Anzumerken ist, dass diese Agnostiker oftmals im Alltag atheistisch leben, denn die Ungewissheit, von der der Agnostizismus geprägt ist, bietet keine gute Grundlage zum Handeln.
Dem gegenübergestellt ist der moderne Agnostizismus. Man kann ihn stark vereinfacht als Gegenteil dessen definieren, was Kant mit „Sapere aude!“ meinte: die Unfähigkeit, sich eine eigene Meinung zu bilden und diese zu vertreten. Auch das generelle Desinteresse an metaphysischen Fragen ist darunter zu fassen. Solche Menschen sind empfänglich für jede dubiose, pseudoreligiöse Idee, die viel verspricht und nichts fordert (außer vielleicht Geld). So sind zwar viele von ihnen temporär religiös oder ratgeberliteratursüchtig, im großen und ganzen fassen sie aber kein Vertrauen zu irgendeiner Religion oder Weltanschauung, weshalb auch sie als agnostisch gelten. Man erkennt sie am besten dadurch, dass sie Montags radikale Atheisten sind, Dienstags Buddhisten, Mittwochs wie die Hinduisten in ihren Klischees Kühe verehren, Donnerstags einer Sekte angehören, sich am Freitag einen Teppich kaufen und eine Moschee besuchen wollen, Samstags kein Schwein mehr essen und bei Amazon einen siebenarmigen Leuchter bestellen, jedoch zuletzt am Sonntag doch in die Kirche um die Ecke gehen.
Diese beiden Formen des Agnostizismus sind massiv in der westlichen Welt verbreitet, die Abschätzung über die wirkliche Anzahl gestaltet sich jedoch schwierig. Denn wenn sich moderne Agnostiker nicht gerade als Pastafaristen (Anhänger der Religionsparodie des fliegenden Spaghettimonsters) definieren, so sehen sie sich als Atheisten. Hinzu kommt, dass sie auch oftmals Karteileichen in einer etablierten Kirche sind. Philosophische Agnostiker bekennen sich zwar zu ihrer Weltanschauung, spielen aber mengenmäßig keine Rolle. Wenn man echte Atheisten und nicht registrierte andere Religionen von den Konfessionslosen abzieht, jedoch wieder Karteileichen addiert, so kommt man auf ein Drittel der deutschen Bevölkerung, die agnostisch ist – genauso viel wie jeweils die beiden großen Konfessionen hinter sich vereinen. Dennoch hat der Agnostizismus keinerlei Platz in der modernen Gesellschaft. Die beiden großen Konfessionen sind an Universitäten, in den Medien und in politischen Schlüsselstellungen vertreten – der Agnostizismus nicht, trotz seiner zahlreichen Anhänger.

Wo kommen diese ganzen Agnostiker her? Zuerst einmal ist zu sagen, dass der Agnostizismus weder ein Phänomen der Moderne noch der heutigen Jugend ist. Lediglich der moderne Agnostizismus ist ein besonderes Phänomen unserer Zeit.
Die ersten Agnostiker gab es unter den Vorsokratikern. Bekannt sind hierunter vor allem die Sophisten, die aufgrund ihrer Reisen den Skeptizismus entwickelt haben, welcher davon ausgeht, dass nichts endgültig bewiesen werden kann – und damit auch Gott. Legendär sind die Worte von Protagoras:
„Über die Götter allerdings habe ich keine Möglichkeit zu wissen, weder, dass sie sind, noch, dass sie nicht sind, noch, wie sie etwa an Gestalt sind; denn vieles gibt es, was das Wissen hindert: die Nichtwahrnehmbarkeit und dass das Leben des Menschen kurz ist.“
Später sollte der Agnostizismus auch von Epikur fortgeführt werden, der es für heilsam hielt, da man so keine Angst vor den (damals grausamen) Göttern zu haben brauchte.
Agnostizismus gab es auch in Rom, jedoch fehlen Informationen, wie groß der Stellenwert war und wie gläubig die Römer wirklich waren. Fest steht jedoch, dass mit dem Siegeszug des Christentums im Mittelalter der Tiefpunkt des Agnostizismus erreicht war.
Um dies zu erklären, ist es wichtig anzumerken, dass bis zur Industrialisierung nur der philosophische Agnostizismus vorhanden war. Da im Mittelalter die Philosophie fast ausschließlich Teil der christlichen Scholastik war (wir betrachten nur Europa), war ein philosophischer Agnostizismus beinahe unmöglich. Die Verbreitung des philosophischen Agnostizismus hängt übrigens vollkommen von der Verbreitung der wichtigsten philosophischen Ideen und Methoden in der Bevölkerung zusammen.
Deshalb sollte sich das Blatt mit der Aufklärung auch wenden. Der Siegeszug von Bildung und die Emanzipation von der Kirche führte zu ersten agnostischen Ansätzen, wie Lessings Ringparabel, die an der Vorherrschaft der Christentums zweifelte, oder bei Hume, Kant und Kierkegaard, die die scholastischen Gottesbeweise ablehnten, jedoch den Glauben selbst beibehielten. Schließlich führte das Ende des Idealismus zu einer wahren Welle des Agnostizismus. Erst Thomas Henry Huxley sollte jedoch den Begriff „Agnostizismus“ zur Jahrhundertwende prägen, obwohl er zu dieser Zeit bereits auf eine 2500 Jahre alte Geschichte zurückblicken konnte.
An dieser Stelle sei auch angemerkt, dass die Geschichte des Atheismus ähnlich verläuft, da früher – und bis vor wenigen Jahren beinahe ebenso - die Gesellschaft keinen Unterschied zwischen beiden sah.
Während der philosophische Agnostizismus bis auf die verbesserte Bildungssituation und den dadurch erhöhten Zuspruch sowie die gesellschaftliche Akzeptanz kaum weitere Veränderung erfuhr, sollte im Zusammenhang mit der Industrialisierung der moderne Agnostizismus geprägt werden. Seine Quelle war und ist die zunehmende Privatisierung des Lebens. Der Verlust von festen Gesellschaftsstrukturen nahm etablierten Religionen die Luft zum Atmen und senkte ihren Einfluss. Die – bis auf wenige, glückliche Ausnahmen - Ignoranz der Kirchen für das Leid der Arbeiter und der damit zusammenhängende Aufstieg des Kommunismus besiegelte das Schicksal für die kommenden einhundert Jahre. Die zunehmende Kommerzialisierung sowie der Zusammenbruch der christlichen Weltanschauung durch moderne Wissenschaften führte eben nicht, wie oftmals behauptet, zu Atheismus, sonder eher zu Agnostizismus, da Atheismus als Antireligion ebenso wie etablierte Religionen gesellschaftliche Strukturen und Dogmen benötigt hätte.
Die beiden Weltkriege spitzten dies ebenfalls nochmals zu, da sie auch den Humanismus mit seinem blinden Glauben an das Gute widerlegten. Die „lost generations“ wurden aufgrund von Traumata in ihrem Glauben oftmals geschwächt (natürlich sind dies Verallgemeinerungen, wie bei allen beschriebenen Entwicklungen, zu denen sich vereinzelt auch Gegenbeispiele finden lassen). Dieser geschwächte Glaube wurde an die Kinder und Kindeskinder weitergegeben und durch die bereits beschriebenen, fortdauernden Entwicklungen weiter verwässert. Der Gegenpol des atheistischen Ostens sollte dem Glauben noch Zuspruch verschaffen als Quelle westlicher Identität, was wir heute noch in den USA feststellen können. Der Zusammenbruch des Eisernen Vorhang spülte jedoch zahlreiche Atheisten und vor allem Agnostiker (denn ohne die sozialistische Gesellschaft verlor auch die Antireligion ihre Daseinsgrundlage) in die westliche Welt, wodurch der Agnostizismus zu seiner heutigen, überwältigenden Anzahl an Anhängern kam.
Gerade die heutige Jugend erlebt den vorläufigen Zenit des Agnostizismus. Da jedoch die beschriebenen Entwicklungen noch nicht zu Ende sind, ja teilweise gerade erst an Fahrt gewinnen (wie z.B. die Globalisierung und damit die Konkurrenz verschiedener Religionen), ist ein stetig wachsender Anteil an Agnostikern zu erwarten. Mehr noch, ich vermute, dass diese Jugend mehrheitlich vom modernen Agnostizismus geprägt sein wird, während der philosophische zwar auch einen Höchstwert erreichen wird, jedoch auf geringerem Niveau (5% - 10%).

Wieso wird der Agnostizismus angesichts seines Zuspruchs eigentlich ignoriert? Zum einen, wie bereits oben erwähnt, definieren sich viele Agnostiker gar nicht so. Zum anderen, und das zeigte das Eingangszitat, erscheint der Agnostizismus farblos, da man damit keine feste, scharfe Grenze ziehen kann. Mediale Aufmerksamkeit erreicht man durch Gegenüberstellungen: Religion – Wissenschaft, Opposition – Regierung, Israel – Iran, Gut – Böse. Dabei ist oft egal, wie sinnvoll so etwas ist. Der Agnostizismus ist dazwischen, sozusagen im blinden Fleck. Er hat auch keine klare Aussage, außer „Scio nescire – Ich weiß, dass ich nichts weiß“. Dazu sind Agnostiker unauffällig: Kein Symbol, keine Speisegebote, keine Gebetshäuser und damit auch keine sturmlaufenden Bürgerinitiativen. Zu guter Letzt hat er auch keine Struktur, niemand, den man dazu interviewen könnte.
Diese Eigenschaften verstärken sich auch gegenseitig. Hat der Agnostizismus keine Aufmerksamkeit, definieren sich auch weniger Menschen als Agnostiker und gründen keine Organisationen, mit denen sie wiederum Aufmerksamkeit erzeugen könnten.

Welche Auswirkungen hat der Agnostizismus auf unsere Gesellschaft? Um die Neutralität nicht zu verlieren, möchte ich mich einer subjektiven Bewertung verwehren, jedoch gibt es einige Punkte, die zu erwähnen wären. Wir reden hier, wie auch in der Themenstellung dieses Monats erwähnt, nicht von für und wider, sondern von konkreten soziologischen Effekten. Diese wären beim Agnostizismus zum Beispiel die Förderung gerade dieser Effekte, die zu seinem Erfolg beitrugen: Privatisierung der Gesellschaft, Beschleunigung des Lebens, Zerfall der Werte, Kommerzialisierung, Verlust der Kultur, Verlust von Leitideen, fehlender Spender von Trost und Hoffnung etc. Religion ist ein Mittel unter anderen, um aus vielen Menschen eine Gesellschaft zu machen (das geht auch mit dogmatischem Atheismus). Ohne eine Religion ist dies erschwert.
Andererseits hat Agnostizismus aber auch einen positiven Effekt: er verhindert religiösen Extremismus. Stellen Sie sich vor, man würde in irgendein Gebiet, in dem Fundamentalismus vorherrscht, eine große Zahl Agnostiker hineinbringen – das wäre genauso, als wenn man Steuerstäbe in einen Atomreaktor einführt oder Wasser in ein brennendes Feuer. Der Agnostizismus hat auch eine anti-dogmatische, anti-ideologische Wirkung, zumindest der philosophische, welcher jede fixe Idee prüft und überdenkt. In diesem Sinne ist der (philosophische) Agnostizismus notwendig für das Gelingen eines freien, demokratischen Staates.

Vielleicht ist gerade dies ein Grund für den Erfolg der Bundesrepublik. Man könnte einwerfen, der Erfolg wurde doch von christlichen Parteien getragen, Gott stehe in der bayerischen Verfassung und im Grundgesetz. Mag sein. Dennoch ist der Staat zwar nicht säkular (er hat eine Affinität für die beiden großen Konfessionen) aber er erschien immer agnostisch, wollte sich nie bekennen und blieb stets fern irgendeiner fundamentalistischen Richtung. Die christlichen Parteien vertreten ja auch keine Religion, sondern nur ein Weltbild.
Der Agnostizismus lehrt die Welt den Mut zur Lücke, zuzugeben, etwas nicht zu wissen, und fern jedes Fanatismus, jeder Ideologie, jeden Dogmas zu bleiben. Deutschland musste dies, unter den beiden großen Ideologien des 20. Jahrhunderts, dem Faschismus und dem Kommunismus leidend, schmerzhaft lernen. Andere Staaten haben dies angesichts blutiger Konflikte immer noch nicht gelernt. Vielleicht fehlt auch hier eine gesunde Menge Agnostizismus, wenn sich christliche und muslimische Milizen gegenseitig zugrunde richten.
Deutschland kann als Vorreiter der ideologiefreien Politik stolz sein auf seine Agnostiker, wie es auch auf seine Christen stolz ist. Es ist Zeit, diesen Teil des religiösen Spektrums zu akzeptieren, und diese neue „Weltreligion“ willkommen zu heißen.

Kommentare:

  1. "Der Agnostizismus hat auch eine anti-dogmatische, anti-ideologische Wirkung, zumindest der philosophische, welcher jede fixe Idee prüft und überdenkt. In diesem Sinne ist der (philosophische) Agnostizismus notwendig für das Gelingen eines freien, demokratischen Staates."

    Würde ich anzweifeln. Du setzt damit vorraus, dass jeder religiöse Glaube ein blinder, intoleranter Glaube ist, was längst nicht der Fall ist. Eine Kultur der Vernunft und allgemeine Toleranz sind notwendig für das Gelingen eines freien demokratischen Staates, da hast du Recht. Diese Eigenschaften einzig und allein dem Agnostizismus zuzuschreiben, finde ich da allerdings paradoxerweise etwas intolerant...

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    1. Ich glaube da hast du mich falsch verstanden.

      Jeder Glaube braucht Dogmen (d.h. feste Glaubensgrundsätze, deren Ablehnung gegen den Glauben verstoßen würden; z.B. bei den monotheistischen Weltreligionen, dass es nur einen Gott gibt).
      Bei den modernen Religionen sehe ich hier keine Problematik mehr. Denke man aber an des mittelalterliche Christentum, so bezog sich das Dogma nicht mehr nur auf den Glauben, sondern auch auf politische Fragen; ebenso sollte es nicht nur Grundlage des eigenen, sondern des Lebens aller sein (man denke an Karl den Großen und die Sachsen).
      Dies hätte einen demokratischen Staat nicht möglich gemacht; wie im Iran.

      Wäre das Christentum 1949 und in der Zeit dananch nicht gemäßigt gewesen und keine Agnostizismus vorhanden gewesen (dieser geht oft Hand in Hand mit gemäßigten Religionen) so wäre eine Demokratie, die das Gegenüber als frei und nicht dogmatisch gebunden betrachten muss, nicht möglich gewesen.

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  2. Zu diesem Thema passt ein Artikel welchen ich kürzlich in der SZ gelesen habe : in Berlin wurde ein "Pilgerweg für Atheisten" eröffnet.
    Leider gibt es bei SZ-Online keinen Artikel dazu, aber ich habe einen lesenswerten Link gefunden:

    http://www.deutschlandfunk.de/kunst-installation-wer-s-glaubt-wird-selig.807.de.html?dram:article_id=271214

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  3. Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift „abenteuer Philosopie“ beschäftigt sich mit diesem Thema. Überschriften der Artikel lauten z.B.:
     Woran glauben wir noch?
     Woran glaubt ein Atheist?
     Ist Gott beweisbar?
     Kann man auf Gott verzichten?
    http://www.abenteuer-philosophie.com/index.htm

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