Samstag, 10. August 2013

Dorothee Bär, MdB
Gastbeitrag

Das Thema des Monats auf CATO ist klug gewählt, zumindest für mich als Familienpolitikerin. Denn ein großer Teil der Familiendebatten dreht sich immer wieder darum, ob die Familienpolitik sich dem Individuum widmen soll – aus meiner Sicht der individuellen Familie mit ihren eigenen Bedürfnissen und Wünschen - oder der Gesamtgesellschaft, innerhalb derer die Familien sich bewegen.
Das ist eine legitime Frage, denn beide Seiten – Individuum bzw. individuelle Familie und die Gesellschaft – haben Ansprüche, die sich manchmal widersprechen. Eine Familie handelt nicht immer ökonomisch optimal. Wenn ein Elternteil beruflich zurücksteckt, um mehr Zeit für die Kinder zu haben, ist das nicht ökonomisch optimal im Sinne der Arbeitsteilung. Frei nach Ricardo (der das allerdings auf Länder bezogen hat) sollten die Eltern beruflich das tun, was sie am besten können und die Kindererziehung denjenigen überlassen, die sich eben darauf spezialisiert haben.
Aber werden wir so dem Individuum – der Familie, dem Kind, der Mutter, dem Vater – gerecht? Und ebenso wichtig: Nutzt das auf lange Sicht wirklich der Gesellschaft? Ist alles Handeln ökonomisierbar? Die Ökonomie befasst sich mit der Verteilung knapper Güter zur Schaffung größtmöglichen Nutzens, im oben genannten Fall der Zeit und der Arbeitskraft der Eltern. Und der Nutzen für ein Individuum – wenn sich Eltern zum Beispiel Zeit für ihre Kinder nehmen – kann unmittelbar in Konkurrenz stehen zum Nutzen für die Gesellschaft – zum Beispiel ein geringeres Bruttoinlandsprodukt, weil die Eltern weniger arbeiten, weniger verdienen, weniger konsumieren.
Was die Frage nach dem Schützenswerten angeht, glaube ich nicht an den Gegensatz, der durch die Worte „Individuum versus Gesellschaft“ suggeriert wird. Vieles, was dem Individuum nützt, nützt auch der Gesellschaft. Kinder, die Zeit hatten, um Bindungen mit ihren Eltern aufzubauen, sind emotional gefestigter und resilienter. Damit verliert die Gesellschaft heute etwas vom Bruttoinlandsprodukt, dafür gewinnt sie in der Zukunft wertvolle Bürger.
Darum lautet meine Antwort auf die Frage von CATO: Beide sind schützenswert, Gesellschaft wie Individuum. Aber beide müssen auch voreinander geschützt werden. Das Individuum muss vor einer Gesellschaft geschützt werden, die nur den gegenwärtigen Nutzen kennt. Die Gesellschaft muss vor Individuen geschützt werden, die der Gesellschaft zu viel abverlangen. Ein guter Mittelweg findet sich im Artikel 2 des Grundgesetzes: „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt...“ 
Die Individuen – Familien, Eltern, Kinder – sollen ihren Weg gehen, so lang sie nicht die Rechte der Gesellschaft verletzen. Ein geringerer Beitrag zum Nationaleinkommen ist aber keine Rechtsverletzung. Und die Gesellschaft muss sich weiterentwickeln, um neuen Herausforderungen zu begegnen – dabei darf sie aber nicht die Entfaltung der Persönlichkeiten in Familien durch ein Ökonomisierungsdiktat verhindern. So können sowohl Individuen als auch die Gesellschaft profitieren.

Kommentare:

  1. "Kinder, die Zeit hatten, um Bindungen mit ihren Eltern aufzubauen, sind emotional gefestigter und resilienter. Damit verliert die Gesellschaft heute etwas vom Bruttoinlandsprodukt, dafür gewinnt sie in der Zukunft wertvolle Bürger."
    Nicht nur, dass sie emotional gefestigter sind: Studien haben gezeigt, dass Kinder, deren Mütter in ihrem ersten Lebensjahr schon wieder arbeiten gehen, mit drei Jahren geistig und intellektuell nicht so weit entwickel sind wie Kinder, deren Mütter daheim blieben (vgl. http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/1467-8624.00457/abstract).

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  2. Es ist interessant und eine neue Sichtweise, die einzelne Familie als Individuum zu sehen. Dies verändert die Sichtweise auf diese Debatte natürlich enorm.
    Dennoch erscheint es mir den einzelnen Mitgliedern einer Familie nicht gerecht, den oftmals haben sie andere Vorstellungen und Ansprüche - Familien sind nicht homogen, und durch die Entwicklungen der letzten Jahre auch nicht zeitlich konstant, sondern brüchig.
    Deshalb kann man auch nicht per se sagen, was für eine Familie besser ist was schlechter, denn im Vergleich zu einem Staat spielt die menschliche, emotionale Ebene eine viel größere Rolle als die Ökonomische. Dennoch k a n n eine bessere Einkommensituation vorteilhafter für das Kind sein als mehr Zeit mit den Eltern. Ich betone "kann", denn oftmals ist es in entwickelten Ländern anders.
    Auch eine Familie ist eine Gesellschaft, auch hier steht das Glück der Mitglieder dem Glück der Gruppe in Konkurrenz. In den letzten Jahren ist durch den Bedeutungsgewinn der Individuen das klassische Familienbild zerbrochen. Inwiefern dies das Glück der Individuen erhöht hat ist fraglich, einzelne werden wohl glücklicher, andere wohl unglücklicher sein.
    Die Frage der Familienpolitik ist übrigens auch ideologisch: Welches Familienbild unterstütze ich? Welches entspricht meinen Vorstellungen, welches ist besser für die Menschen?
    Eine objektive Antwort zu finden wird schwierig sein, einerseits sind Kinder wohl besser entwickelt, andererseits sind sie finanziell gesichert. Letztendlich sollte der Staat beides fördern und die Menschen selbst entscheiden lassen. Ich kann keines von beiden unterstützen oder ablehnen.
    Übrigens zu obiger Studie: Im Sinne der Gleichberechtigung frage ich: Wie sieht es mit Kindern aus, bei denen der Vater zu Hause bleibt und die Mutter arbeitet? Schließlich sind beides gleichwertige Entwürfe.

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    1. Bezüglich deiner letzten Frage: trotz intensiver Suche hab ich hier keine relevanten Fachartikel gefunden. Natürlich bin ich kein Fachmann hier, aber es scheint, dass dieser Frage in der Forschung noch nicht/kaum nachgegangen wurde. Den einzigen möglichen Hinweis findet sich im oben genannten Artikel, leider verstehe ich ihn nicht... Wer sich mehr dafür interessiert, sollte sich Tabelle 9 im folgenden Paper anschauen: http://ilzeearner.com/spring2012/HB712/s5/Maternal%20Employment%20and%20Child%20Cognitive%20Outcomes%20(2002).pdf.

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