Freitag, 15. August 2014

Wolfgang Kruse
Gastbeitrag zum Monatsthema 8/14
 Wolfgang Kruse ist unter anderem außerplanmäßiger Professor für Neuere Deutsche und Europäische Geschichte an der FernUniversität in Hagen. Für CATO gibt er ein paar Gedankenanstöße zu der Frage nach Verantwortung für den Ersten Weltkrieg.


Aus der Sicht von CATO bin ich inzwischen (obwohl mir das ganz anders erscheint) wohl ein konservativer Historiker geworden, weil ich immer noch daran festhalte, dass das Deutsche Reich zusammen mit seinem Verbündeten Österreich-Ungarn die Hauptverantwortung für die Auslösung des Ersten Weltkriegs trug: durch die Anfang Juli 1914 gemeinsam getroffene Entscheidung, auf das Attentat von Sarajewo mit einem Krieg Österreichs gegen Serbien zu reagieren und dabei das Risiko bewusst einzugehen, auch einen Krieg Deutschlands gegen Russland und Frankreich herbeizuführen; durch die Ablehnung der von England vorgeschlagenen Vermittlung eines Friedens nach der Kriegserklärung Österreichs an Serbien Ende Juli; schließlich durch die deutschen Ultimaten und Kriegserklärungen an Russland, Frankreich und Belgien Anfang August.
Angesichts dieses Befundes spricht eigentlich wenig dafür, die „Kriegsschuldfrage“ erneut in den Mittelpunkt großer Diskussionen zu rücken, und es stellt sich die Frage, warum gerade in Deutschland heute ein so großes Bedürfnis nach einer Revision besteht. Der Wunsch nach einer „Normalisierung“ der deutschen Vergangenheit, zumal für die Zeit vor dem Nationalsozialismus, ist dabei schwer zu übersehen. Wenn dann gar das Bestreben hinzukommt, endlich auch wieder stolz auf die deutschen Soldaten des Ersten Weltkrieges sein zu können, beginnt es mich zu gruseln. Warum sollten wir stolz auf sie sein? Etwa weil sie eine doch nur vermeintlich ideologiefreie Heimat in Nordfrankreich und Belgien, in Serbien, Polen, Rumänien, Russland und dem Baltikum verteidigt haben? Die meisten Soldaten haben das nicht aus freien Stücken getan und deshalb sollten wir sie, zumal wenn sie umgekommen sind, doch lieber als Opfer denn als stolze Helden erinnern.
Die Geschichte des Ersten Weltkriegs ist generell viel zu vielfältig, um sie immer wieder auf die Kriegsschuldfrage zurückzuführen. Viele wichtige Themen sind im Vorspann zum Monatsthema angesprochen. Eines aber scheint mir von besonderer Bedeutung zu sein. Diese „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, die den weiteren Verlauf nicht nur der europäischen Geschichte tiefgehend und meist zum Schlechten geprägt hat, ist keineswegs aus heiterem Himmel gefallen. Sie hatte ihre Wurzeln vielmehr in der vorhergehenden „guten alten Zeit“, wie es später und auch heute oft beschönigend heißt. Deshalb habe ich den Ersten Weltkrieg als Ausdruck einer Krise der europäischen Moderne zu bestimmen versucht, die sich schon vor dem Krieg tief in die europäische Politik, Kultur und Gesellschaft eingefressen hatte. Aber Krisen haben mindestens zwei Seiten, und ihre Zuspitzung im Krieg führte im Gegenzug dazu, nach neuen Lösungsmöglichkeiten zu suchen: Demokratie, Revolution und Völkerbund wurden so auch zu Folgen des Großen Krieges, ebenso wie ihr Scheitern auf die tiefgehende Kontaminierung der europäischen Gesellschaften mit der Gewalt und dem Nationalismus des Krieges zurückgeführt werden kann.
Generell verschärfen Kriege die meisten Probleme eher, als sie zu lösen. Aber sie haben ihren Ausgang, auch das lehrt der Erste Weltkrieg, bereits im Frieden. Wer den Frieden schützen will, sollte das tun, solange es ihn gibt. Danach wird es schwerer.
 

Kommentare:

  1. Ich denke, das Bedürfnis einer Revision der Schuldfrage kommt nicht primär vom Bedürfnis, auf die Soldaten "stolz" sein zu können - die meisten wissen kaum etwas über ihre Ahnen, die im Krieg aktiv dabeiwaren. Viel wichtiger ist es für viele, dieses von der Katastrophe des 2.Weltkriegs überdeckte historische Episode aufzuarbeiten. Ungeachtet historischer Fakten wirkt es für veile noch so, als ob die alleinige Kriegsschuld der Deutschen am 1.Weltkrieg durch die Schuld am 2.Weltkrieg legitimiert.

    Es ist ein sinnvoller Ansatz, sich auf die Zeit vor dem Kriegs zu konzentrieren. Viel zu oft beginnt die Betrachtung beim Kriegsausbruch, einem Zeitpunkt, an dem die Eskalation bereits abgeschlossen war.
    Ich frage mich oft, ob sich die Entwicklungen der "guten alten Zeit" nicht ähnlich oder vergleichbar wiederholen könnten. Die Kriegsbegeisterung war letztlich auch nur Möglich, da der letzte große Krieg für Deutschland über 40 Jahre in der Vergangeheit lag - auch heute können viele Menschen den Schrecken eines Krieges nicht realisieren.

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  2. Wer den Frieden schützen will, sollte das tun, solange es ihn gibt. Danach wird es schwerer.
    Ein sehr schöner Satz, den man sich angesichts der aktuellen Spannungen in der Ukraine hinter die Ohren schreiben sollte!

    Das Bestreben, stolz sein zu können auf die Soldaten des Ersten Weltkriegs habe ich so aber auch noch nicht mitbekommen.

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